Inna Hartwich – zu „Moskauer Märchen“ von Alexander Kabakow, in: Moskauer Deutsche Zeitung, Nr. 14 (237), Juli 2008, und http://www.mdz-moskau.eu 12. 09. 2008

Froschkönigin und der böse Wolf – In seinen „Moskauer Märchen“ lässt Alexander Kabakow Untote tanzen
Teils erfunden, teils aus dem Leben gegriffen stellt Kabakow die Märchenwelt auf den Kopf und räumt mit dem Mythos der geheimnisvollen russischen Seele auf.

Es war einmal ein Ruslan Iwanowitsch. Er nennt sich Abstul, lebt in Oberbrjuchanowo, liebt Whiskey und Koks, tanzt gerne in Nachtclubs und flitzt durch nächtliche Moskauer Straßen. Eines Tages trifft er in seinem japanischen Jeep auf einen Kombiwagen voller Skelette. Und weil der bekiffte und zugekokste Abstul gegen einen Stützpfeiler fährt, lebt er heute nicht mehr. „Märchen sind grausam, allerdings ist das Leben bis jetzt auch nicht besser“, heißt es in Alexander Kabakows Kurzgeschichten. Mit sarkastischer Leichtigkeit lässt der 65-Jährige korrupte Politiker mit bösen Hexen zusammentreffen, setzt einer Metro-Frau ein Rotkäppchen auf und spiegelt in seinen zwölf „Moskauer Märchen“ das heutige Leben in Russland wider: mal voller Ironie, mal sehr bemüht, menschliche Tragödien auf dem Blatt festzuhalten.

Lenin schläft. Tief und fest und lange. Das Dornröschen der Sowjetunion könnte auch weiterhin in seinen weltproletarischen Träumen versinken, wäre da nicht Eduard Wilorowitsch Dobroljubow. Der Offizier im Ruhestand – von der Ehefrau betrogen, vom Sohn in einen goldenen Käfig mit eigenem Schwimmbad und Urlaub an der Côte d’Azur eingesperrt, von den Enkeln kaum wahrgenommen – schlüpft in eine neue Rolle: Eduard Wilorowitsch gibt sich als Prinz. Alt, verbraucht und depressiv zwar, aber immerhin. Mit einem sanften Kuss will er die sowjetische Staatsleiche zum Leben erwecken. Hat bei Dornröschen schließlich auch funktioniert. An eine Hochzeit mit seiner „Prinzessin“ denkt der Ex-Offizier nicht, aber an das Leben, das er im alten Sowjetreich hatte, um so mehr. Doch bevor der großmächtige Arbeiter- und Bauernstaat wieder erblüht, liegt der Offizier tot am Boden. Herzinfarkt. Noch eine Leiche mehr.

Kabakow lässt ein ganzes Arsenal an Verstorbenen, Verunglückten, Verlorenen auffahren, stets sind sie von Menschen umgeben, doch immer einsam und allein. „Tja“, sagt der Autor. „Der Mensch ist eben böse“ und denke sowieso immer nur an „Kohle“. Und so wandeln sie durch die Gegend, all die Timofej Bolkonskis, Olessja Grunts, Politiker N.s – zwar immer im Scheinwerferlicht, von allen gekannt und geliebt, doch im Innern leer und ausgebrannt.

Der Autor, er kennt sie natürlich alle. Den „Sauhund Iwanow, diesen Träumerling, Schwätzer und nächtlichen Widergänger“, „Iljuscha Kusnezow, diesen ewigen Nörgler“ und den „Leonhard, diesen gerissenen Schlawiner“. Selbst über die „dicke Tatjana“ und ihr dünnes Portemonnaie weiß er zu berichten. So, als sei er auf ein Bier in die eigene Küche zu Besuch gekommen, hätte den geräucherten Fisch ausgepackt, auf dem Stuhl Platz genommen und losgelegt: „Ach, wisst ihr, wie war das noch mal? Ich bin mal wieder vom Thema abgekommen. Also …“ Wie ein alter Bekannter, der schon ganz Russland bereist hat und doch immer nur in Moskau zu Hause war, erscheint er vorm inneren Auge und nimmt den Leser mit auf einen Streifzug durch 50 Jahre russischer Geschichte – nicht ohne auf die kleine Portion Geografie- und Geschichtsunterricht zu verzichten. Er erzählt von Strafgefangenenlagern, von Wohnungsnot und Geldmangel mit der gleichen Leichtigkeit wie von den Exzessen der privilegierten Jugend im heutigen Moskauer Prunk, ihrem Streben nach Macht und Marmorbädern, nach Glanz und Glamour. Da bleibt ein Schmunzeln nicht aus.

Fast unmerklich bedient sich Kabakow bei Dostojewski, wirft die gogolschen toten Seelen beiseite, erschafft seine eigenen und lässt seine Ludmilla – ganz anders als Tschechow seine Irina – in Moskau ihr Glück suchen. Als Metro-Angestellte mit einem roten Käppchen auf dem blonden Haar wandert sie mit Wodka in der Puma-Tasche zur Oma Anna Semjonowna, bringt den bösen Wolf, den Penner Wolkow, um und wird reich. Einerseits „von Kopf bis Fuß erfunden“, andererseits die „reinste Wahrheit, aus verlässlichen Quellen geschöpft, nichts dazu fantasiert“ stellt Kabakow die gängigen Märchen auf den Kopf, wirbelt sie gehörig durcheinander und räumt endlich einmal mit dem Mythos der geheimnisvollen russischen Seele auf: „Das ist eine Seele, wie Seelen eben sind.“ Er lässt den unglücklichen Wachmann Igor Alexejewitsch einen Frosch küssen, den Videokünstler Tima als Ikarus in die Lüfte steigen oder den gierigen Bauunternehmer Iwan Eduardowitsch an seinem Babylon-Turm scheitern. Am Ende sind sie tot, depressiv oder auf Zypern unterwegs.

Auf 261 Seiten zeigt Kabakow eine „kleine, ganzheitliche Menschheit“, junge Damen, Ganoven, Duma-Abgeordnete, Hexen, Militärs – alle sind sie miteinander verwandt, verbandelt, befreundet. Bemüht wirkt dabei die Konstruktion der Schwestern- und Bruderschaft, zäh die immer wiederkehrenden Beschreibungen, wer wie was mit wem, die dem leichten Kabakowschen Sarkasmus in die Quere kommen. Eine etwas kleinere Märchenfamilie zaubert schließlich auch ein Lächeln auf die Lippen, und das Dornröschen Lenin träumt in seinem konstruktivistischen Mausoleum auch weiterhin von der Weltrevolution.

Mag. Barbara Schildknecht – zu „Moskauer Märchen“ von Alexander Kabakow, in: www.alphafrauen.org, s. Kunst und Kultur – Buchrezensionen – Gesellschaft&Soziales, 19.09.2008:

Ein sehr interessantes Buch mit der Möglichkeit der Geschichte und den Märchen Moskaus auf den Grund zu gehen.

Karlheinz Kasper – zu „Moskauer Märchen“ von Alexander Kabakow
01.2008
, OSTEUROPA, Heft 1/08 (Print), „Bilder von dantesker Kraft…“ S. 102

Mühen des neuen Daseins

Aleksandr Kabakov (*1943) versteht sich als Vertreter jener aufmüpfigen Generation, die sein Lehrmeister Vasilij Aksёnov während der „Tauwetter“-Periode in de Roman Fahrkarte zu den Sternen dargestellt hat. Von Aksёnov hat Kabakov die beißende Ironie und die Vorliebe für eine märchenhaft-phantastische Verfremdung von Alltagsthemen geerbt, die auch seine Moskauer Märchen auszeichnen.
Aus der schaurigen Sage vom fliegenden Holländer macht er die Geschichte vom Totenauto mit dem holländischen Kennzeichen, das auf den nächtlichen Straßen Moskaus sein Unwesen treibt. Seine Opfer sind einige „neue Russen“, die glauben, ihnen gehöre die ganze Welt. Ruslan, der mit seinem Cottage an der Rublёvsker Chaussee prahlt, fährt betrunken auf dem VIP-Streifen, bis der protzige Jeep an einer Brücke zerschellt. Olesja, mit einem Finanzmann verheiratet, der es vom Komsomolsekretär zum Millionär gebracht hat, kommt nach dem Crash mit grauen Haaren und einem Trauma davon. Ein reich gewordener Politiker fährt seinen nagelneuen BMW zu Schrott und verschwindet spurlos. Ähnliches passiert einem Mann, der als Produzent von Videoclips, Restaurantbesitzer und PR-Mann für Politiker zu Geld gekommen ist. Sie alle soll der Holländer auf dem Gewissen haben. Einige Gestalten tauchen in mehreren Erzählungen auf, wechseln die Plätze, tauschen die Rollen. Unter den Bedingungen des neurussischen Kapitalismus wird der Turmbau zu Babel vorangetrieben, werden fliegende Teppiche gebraucht, zieht der ewige Jude Ahasver umher, finden Ikarus, Prometheus, Rotkäppchen, der Wolf und der Froschkönig keine Ruhe. Ein Major, der früher ein Arbeitslager geleitet hat, sucht auf dem Friedhof Rat bei toten Marschällen und Staatskünstlern, weil er Lenin in seinem Kristallsarg wach küssen will. Kabakovs Moskau ist bald ein modernes Babylon, bald ein Jahrmarkt der Eitelkeiten mit provinziellem Anstrich.

Volker Strebel – zu „Die fremde Sprache sei mir eine Hülle" von Sergei Awerinzew
01.01.2008 www.literaturkritik.de

Echte Paradoxa und falsche Wirklichkeiten

Längst überfällig: endlich liegt eine Sammlung mit Vorträgen und Essays des bedeutenden russischen Gelehrten Sergej Averincev (1937-2004) in deutscher Sprache vor

Auch die Geisteswissenschaften waren in der Sowjetunion der marxistisch-leninistischen Parteilichkeit verpflichtet. Unter einem ideologischen Eispanzer konnten sich dennoch Gelehrte von internationalem Rang wie Dmitrij Lichatschow, Boris Uspenskij, Boris Gasparov oder Jurij Lotman etablieren.
Auch Sergej Averincev (1937-2004) gehört zu jenen unabhängigen Geistern, deren akademische Karriere sich außergewöhnlichen Bedingungen ausgesetzt sah. Nach seinem Studium der klassischen Philologie, das Averincev mit einer Dissertation über Plutarch abgeschlossen hatte, kam er zunächst am "Institut für Geschichte und Theorie der Kunst" unter und konnte ab 1969 bis 1992 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Weltliteratur der Akademie der Wissenschaften in Moskau arbeiten. 1994 bis 2003 war Sergej Averincev als Ordinarius am Institut für Slawistik der Universität Wien tätig.
Die vorliegende Sammlung von 15 Essays und Vorträgen dokumentiert die ungewöhnliche Bandbreite der Forschungsgebiete von Sergej Averincev, der neben seiner Tätigkeit als Literatur-, Kultur- und Religionswissenschaftler auch als Dichter und Übersetzer hervorgetreten war.
Besonders bestechend sind diejenigen seiner Arbeiten, in denen sich die dargestellte philologisch-kulturwissenschaftlichen Zusammenhänge aus einer ungewöhnlichen Belesenheit speisen. Ein Beispiel dieser faszinierenden Fähigkeit Averincevs, unsichtbare Verbindungen in plastischer Weise aufzuzeigen, findet sich in seinem Beitrag "Goethe und Puschkin (1749-1799-1999)". Die Abstufungen der Lebenszeit der Dichter vor dem kulturellen Hintergrund offenbart Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten, denen sich Averincev zu nähern versucht. Beide sieht er vor die große denkerische Herausforderung der Aufklärung gestellt. Beide verteidigen dieses Erbe gegen die irrationale Herausforderung der aufkommenden Romantik. Und doch finden sich im Bereich des Religiösen, bei Johann Wolfgang Goethe auch in Form eines Bezugs zur Natur, Topoi, welche ihre Abweisung des kaltnüchternen Verstandes untermalen: "Der systematische rationalistische Negativismus à la Voltaire war für Goethe wie für den reifen Alexander Sergejewitsch Puschkin unakzeptabel". Als Vertreter einer Moderne, die von der Unverzichtbarkeit sinnlich erfahrbarer Wirklichkeit weiß, teilten zugleich Goethe wie auch Puschkin das Bewußtsein einer Wesenseinheit des unmittelbar menschlichen Geschicks mit überschreitenden Universalien.
Seine russisch-deutschen Gegenüberstellungen in der Literatur ergänzt Averincev in einem Beitrag über Osip Mandelstam und Ewald von Kleist, oder mit Anmerkungen zu Franz Kafka.
Russland war in Averincevs Denken und Arbeiten von verschiedenen Seiten her betrachtet worden. Als Philologe und Theologe lotete er die byzantinische Tradition aus. In dem Beitrag "Die slawische Apokalyptik" forscht Averincev nach den Wurzeln der tragischen Verirrungen des 20. Jahrhunderts in Russland. Das Hinterfragen gängiger Klischeevorstellungen und zeitgeistiger Kulturmodelle barg für Averincev keine eindimensionalen Antworten: "Diese sonderbarste Mischung von Gescheitheit und Absurdität, von Melancholie und Humor, von Hoffnungslosigkeit und Hoffnung gegen alle Hoffnung, von Bereitschaft, das Unmögliche zu tun, und Widerwillen, sich um das bloß Mögliche zu bemühen, diese Neigung zu äußersten Extremen von Heldenmut und Zynismus, von Vaterlandsliebe und nationalem Selbsthass, diese lyrische Note, die immer an der Grenze zur Hysterie vibriert, auch diese Mystik - und diese Trunksucht".
Sergej Averincev, der sich wohl eher in der Tradition von Alexej K. Tolstoj als einen "aufgeklärten Konservativen" verstanden hatte, verband neben seinem diszipliniert betriebenen Gelehrtenstudium auch unmittelbar kulturkritische, ja politische Äußerungen. Im vorliegenden Band finden sich Überlegungen zur "Humorlosigkeit des Zeitgeistes" oder "Zum Problem der Globalisierung".
Der sehr persönlich gehaltene Beitrag "Die Solidarität in dem verfemten Gott: Erfahrungen der Sowjetjahre als Mahnung für Gegenwart und Zukunft" bilanziert den Atheismus in der Sowjetunion: "Heinrich Böll erwähnte einmal, wie schwer es ihm war, in der Hitlerzeit die uniformierten SS-Männer auf der Kommunionbank in einer katholischen Kirche zu sehen. Gott sei Dank wurden wir in der kommunistischen Zeit von derartigen Erlebnissen ziemlich gut beschützt".
Eine der Lehren, die Averincev aus diesen Erfahrungen gezogen hat, ist die kritische Erkenntnis, dass Konformität alle wohlfeilen Denk- und Handlungsangebote gefährden kann. Auch liberale Demokratien sind, Demut gehört nicht zum Zeitgeist, vor träger Selbstgefälligkeit nicht gefeit.

Hanns-Martin Wietek – zu „Moskauer Märchen“ von Alexander Kabakow
Der Büchervielfraß - www.buechervielfrass.de, www.russland.ru – 11.2007

Witz, Humor, Satire, Groteske zu schreiben, kann man nicht lernen, das muss einem Schriftsteller quasi in die Wiege gelegt worden sein. Geistvoll, hintersinnig, gehaltvoll zu sein, mit spitzer Feder reizen – nicht grob verletzen, dem Leser ein stilles Lächeln oder gar ein herzhaftes Lachen abringen und ihn doch zum Nachdenken bringen, und doch klar zu kritisieren ohne zu klagen, gar zu lamentieren – das bedarf dann aber auch großer Übung.
Ein solcher Könner ist ohne Zweifel Alexander Kabakow.
Sicher hilft dabei „die russische Seele“, die russische Mentalität. Sich selbst und auch die harten Fakten des Alltags nicht so ganz ernst zu nehmen, liegt diesem Volk im Blut, weshalb es schon in der Vergangenheit bis heute auch so viele herausragende Schriftsteller dieses Genres bei ihnen gegeben hat und gibt. Und Kabakow ist ganz sicher einer von ihnen.
Ganz besonders der, der Zeit, Umstände und das Leben in – in diesem Fall – Moskau kennt, wird seine wahre Freude an diesem Buch haben. Aber auch die „Nichtkenner“ Moskaus und der russischen Seele werden begeistert sein, was wiederum die große Kunst von Kabakow beweist.
Er verknüpft – oder besser: er lässt unmerklich ineinander gleiten – Märchen und Bericht, verknüpft die eigentlich einzelnen Episoden und kommt letztendlich zu einer romanhaften Beschreibung der Gesellschaft, die er aufs Korn nimmt; auch dieser Wurf ist meisterhaft gelungen.
Ich habe lange nicht mehr so sehr geschmunzelt.

Diese vielen Feinheiten aus einer Sprache in eine andere zu transponieren – ich vermeide bewusst das Wort „übersetzen“ –, bedarf es aber auch eines außerordentlichen Sprachgefühls; und an dieser Stelle muss man die Übersetzerin Frau Dr. Hannelore Umbreit erwähnen. Ihr Anteil an an diesem wunderbaren deutschen Buch ist sicher nicht weniger groß als der des Autors.

(…)

Einige Sätze zum Pereprava Verlag:
Es ist bewundernswert, dass in unseren Zeiten der ungehemmten Konzentration auf dem Buchmarkt (man könnte es auch viel negativer ausdrücken) ein kleiner Verlag sich zur Aufgabe gemacht hat, wertvolle Literatur der Gegenwart aus Russland uns deutschen Lesern zugänglich zu machen, ohne sich nur die Rosinen – sprich ganz großen Namen – „aus dem Kuchen zu picken“. Und das noch zu einer Zeit, in der die großen Mediengewaltigen ihre große Liebe zu Amerika zeigen und alte, längst verschwunden geglaubte Feindbilder wieder aus der Mottenkiste holen.
Das russische Wort »pereprava« (pereprava) bedeutet »(über einen Fluss) übersetzen«, im übertragenen Sinn soll es heißen „eine Brücke schlagen“ zwischen …. (in unserem Fall natürlich den russischen und deutschen Menschen).

Peter Pisa; Kurier - 27.10.2007 – zu „Moskauer Märchen“ von Alexander Kabakow

Holländer am Steuer

Alexander Kabakow – Die „Moskauer Märchen“ (22,50 E) lesen sich, als würden sie vorgelesen werden. Plauderton. 2005 wurden sie bei der Buchmesse in Moskau zur „Prosa des Jahres“ gekürt, und das Wiener Verlagshaus Pereprava bringt die Übersetzung von Hannelore Umbreit. In den Märchen erzählt der sibirische Autor die russische Wahrheit über Neureiche, über Politiker, über die ultramoderne Kulturszene. Und damit er die Zustände ordentlich kritisieren kann, geistern der Turm zu Babel, der Froschkönig, das Rotkäppchen durch die Geschichten.Ein Beispiel: Ein fliegendes Auto mit holländischen Kennzeichen und einem Skelett am Steuer treibt einem unguten Emporkömmling auf dem VIP-Streifen der Regierungsstraße seine Privilegien aus. (…)

Heike Geilen – zu „Moskauer Märchen“ von Alexander Kabakow
10/2007 www.sandammeer.at

Märchen sind grausam, vor allem die russischen

Was hat "Schneewittchen" mit Lenin und was "Der fliegende Teppich" mit russischen Abfangjägern zu tun? Die einen sind beliebte Kindermärchen, die anderen tangieren tendenziell Historie und Politik des ehemaligen Vielvölkerstaates. Bringt man allerdings Aleksander Kabakow, den russischen Schriftsteller, ins Spiel, vereinen sich diese Kontroversen in ein und derselben Geschichte.

"Moskauer Märchen" heißt sein Erzählband, in dem er authentische Begebenheiten, die alles Andere als märchenhaft, nämlich eher erschreckend und diabolisch sind, mythologisch verwebt. Seine "Märchen" spiegeln das heutige Leben in Russland wider.

Bei Aleksander Kabakow geht "Rotkäppchen" nicht mehr mit einem liebevoll zusammengestellten Korb voller Leckereien zur Großmutter, sondern hier besucht eine aufstrebende Bahnwärterin eine betagte Bekannte, um deren Wohnung zu "erben". Da entsteigt nach dem erlösenden Kuss keineswegs Schneewittchen seinem Glassarg, sondern ein alter Militär im Ruhestand erweckt Lenin auf orale Art zum Leben. Und Wassilissa, die Wunderschöne, ist bei Kabakow auch nur ein intrigantes, leichtes Mädchen, das seinen Körper für Wohlstand verkauft und dem Ende der Jugend im Wodka-Rausch nachtrauert.

Tatsächlich begegnen dem Leser bekannte Märchen und mythologische Geschichten: von Rotkäppchen bis zum Bau des Babylonischen Turms, vom Froschkönig bis zum fliegenden Teppich, vom Flug des Ikarus bis hin zu Prometheus, der einem kleinen aufrührerischen, "apfelsinenfarbig" gekleideten Volk das Feuer bringt, als die Region wegen ihres aufmüpfigen Verhaltens kurzerhand vom Stromnetz genommen wurde. Und wenn einer meint, man müsse nur die glitschige Haut der in einen Laubfrosch verwandelten grünen Zarentochter küssen, und schon könnte man mit ihr den Thron besteigen, tja, der landet gleich in der geschlossenen Anstalt, denn niemand wird heutzutage solch eine Philosophie verstehen.

Aleksander Kabakow hat die guten alten Märchen und Mythen aus aller Welt umgeschrieben. Er hat sie modernisiert, ihnen eine ganz eigene Tonart verpasst und sie nach Moskau verlegt. Doch das Gute siegt hier kaum noch über das Böse.

Erzähler ist der Autor selbst. Er berichtet dem Leser von Personen auf ihrem Karriereweg vom ehemaligen Komsomol-Sekretär zum Millionär, er spricht über Korruption und ausgeprägten Antisemitismus im kommunistischen Russland. Alle seine Geschichten offenbaren eine äußerst präzise Beobachtungsgabe, obwohl er nach seinen "märchenhaften" Protagonisten nie lange suchen musste, erzählte der Autor in einem Interview. Es sind Menschen, von denen er in seiner Heimat tagtäglich umgeben ist, und auch die Handlungen sind der Realität entnommen.

Mit einer gehörigen Portion Humor und Ironie unterlegt berichtet Kabakow mit sarkastischer Leichtigkeit über grausame Kindheitserlebnisse, Alkoholismus, Armut, Brutalität und spart auch weder die Kriegsereignisse in Tschetschenien noch das leichte Leben der neuen, geltungsbedürftigen russischen "Elite" aus. Nicht nur Dostojewski, sondern auch Aleksander Kabakow schreibt über die Russen Sachen (...), die lieber kein Mensch wissen sollte".

Herausgekommen ist eine Enzyklopädie des modernen russischen Lebens, mit all seinen typischen Beamten, skrupellosen Geschäftsleuten, Ganoven, leichten Mädchen, Politikern und anderen zweifelhaften, aber sehr gegenwärtigen Persönlichkeiten: auf der einen Seite sehr realistisch, auf der anderen stilistisch schrill überzeichnet und mit einer zum Teil schwermütigen Intonation. Diese Kontroverse und die großartige Kreuzung des fantastischen Genres mit der brutalen Realität seines Landes offerieren einen schaurig-schönen, unterhaltsamen, politisch brisanten und kritischen Streifzug durch 50 Jahre russische Geschichte.

Alle zwölf Geschichten und ihre "Helden" sind untereinander vielschichtig verwoben und miteinander verknüpft. Vergangenheit und Gegenwart fließen ständig ineinander. Durch das permanente Überschreiten der Grenze zwischen Metapher und Realität werden beim Leser literarische Bilder und Visionen von beängstigender Realität und archetypischer Zeitlosigkeit erzeugt.

Und um noch einmal auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen, was die mythischen Gestalten mit dem russischen Alltag gemein haben, kann als mögliche Antwort der Erzähler in der Geschichte "Rotkäppi und der Grauwolf" herangezogen werden: "In den Märchen hat das Gute (...) immer Fäuste, und zwar eisenharte, von denen das Böse nur träumen kann. Märchen sind allesamt grausam. Allerdings ist das Leben bis jetzt auch nicht besser", zumindest das in Russland nicht. Ein entscheidender Unterschied ist dennoch zu verzeichnen: die einstmals bekannten, liebenswert-hinreißenden Figuren entfalten sich in den "Moskauer Märchen" zu tragischen "menschlichen Komödien", die eher traurig aus dem Text herausschauen.

Den immer mit einem Schuss Ironie unterlegten russischen Originaltext hat Hannelore Umbreit prägnant und imposant ins Deutsche übertragen.

Hanns-Martin Wietek – zu „Die Einzige. Nadeschda Allilujewa – Stalins Frau“ von Olga Trifonowa

www.russland.ru, 31.10.2006

Die Vermischung von Fiktion und historischen Fakten – ein Tatsachenroman (was an und für sich ein Widerspruch in sich ist) – kann sehr sinnvoll sein, denn vielleicht trockene aber dennoch wichtige Fakten können so dem Leser spannend dargeboten werden, und der Autor kann sein literarisches Können einbringen. Problematisch wird dieses neue Genre, wenn der Leser historische Fakten und Erfundenes nicht mehr unterscheiden kann; es besteht dann die Gefahr der (ungewollten) Geschichtsfälschung, es werden leicht Mythen und Legenden geboren. Auf Fiktion und Fakten hinzuweisen (in einem Anhang), nähme einem solchen Roman nichts von seiner Qualität und Spannung.

Im vorliegenden Roman ist die Liebesgeschichte mit dem Marienbader Psychiater erfunden – die Kur hat jedoch tatsächlich stattgefunden –, mit deren Hilfe Olga Trifonowa in Rückblenden ein mögliches – literarisch gelungenes – Psychogramm von Stalins zweiter Frau erstellt.

Die geschichtlichen Ereignisse, die Aussagen über und von Stalin sowie das Krankheitsbild der Nadeschda Allilujewa sind historische Fakten.

Karla Hielscher zu „Die Einzige. Nadeschda Allilujewa – Stalins Frau“ von Olga Trifonowa
Deutschlandfunk / Büchermarkt - 10.08.2006

An der Seite Stalins

14 Jahre lang stand Nadeschda Allilujewa als seine zweite Frau an der Seite Stalins und begleitete seinen Aufstieg vom Revolutionär im Untergrund zum unumschränkten Diktator.
Am 8. November 1932 wurde sie mit einer Revolverkugel im Herzen tot aufgefunden.
Olga Trifonowa entwirft mit ihrer fiktiven Romanhandlung eine mögliche Version der Persönlichkeit von Nadeschda Allilujewa und der tragischen Geschichte ihrer Ehe, die auch die Geschichte des Wegs in eine blutrünstige Diktatur ist.

Was für ein faszinierender, dramatischer Stoff für einen biographischen Roman: das Schicksal von Stalins zweiter Frau Nadeschda Allilujewa, mit der er 14 Jahre lang - gerade in der Zeit seines Aufstiegs vom im Untergrund lebenden Revolutionär zum unumschränkten Diktator - sein Leben teilte. Nadeschda Allilujewa, die Mutter seiner beiden Kinder Wassili und Swetlana wurde am 8. November 1932, nach dem Bankett zur Feier des 15. Jahrestags der Oktoberrevolution im Schlafzimmer ihrer Kremlwohnung mit einer Revolverkugel im Herzen tot aufgefunden.

Fast alle Historiker gehen vom Selbstmord der schönen einunddreißigjährigen Frau aus, deren weißes Grabmal auf dem Prominentenfriedhof Nowodjewitschij in Moskau bis heute einen geheimnisumwitterten Anziehungspunkt bildet. Da der Freitod der jungen Stalin-Gattin als politischer Protest hätte verstanden werden können, wurde er sogleich vertuscht und ein pompöses Staatsbegräbnis für sie veranstaltet. Die Gerüchte und Spekulationen über ihren Tod sind deshalb nie verstummt.

Trotz neuen, erst nach der Wende zugänglichen Archivmaterials - etwa von zärtlichen Liebesbriefen des Ehepaars - wird über Nadeschda Allilujewas Leben wohl Vieles im Dunklen bleiben. Olga Trifonowa, die als Leiterin des Museums im "Haus am Ufer", dem berühmt-berüchtigten Gebäudes, in dem die stalinistische Politprominenz wohnte, die historischen Quellen genau kennt, wählt daher für ihr Buch das in der heutigen Literatur weit verbreitete Genre der Fiction-Faction. Aber allein schon die nachweislichen authentischen Dokumente bieten einen einzigartigen Einblick in die Lebenswelt der bolschewistischen Revolutionäre vom Beginn des Jahrhunderts bis in die 30er Jahre hinein, als Stalins persönliche Terrorherrschaft sich fest etabliert hatte. Das war es wohl auch, was die Autorin zu ihrem literarisch anspruchsvollen Roman inspirierte: Hinter den politischen Ereignissen den Alltag dieser Menschen, ihre Gefühle und gegenseitigen Beziehungen zu erkunden.

Nadeschda Allilujewa stammt aus einer Familie von engagierten Revolutionären: Ihre Kindheit war geprägt vom Nomadenleben im Untergrund, den Verhaftungen und Gefängnisaufenthalten des Vaters, der häufigen Abwesenheit der Mutter, die - wie es im bolschewistischen Milieu durchaus üblich war - immer wieder auch Beziehungen zu anderen Männern hatte. Der enge Freund der Familie Allilujew, Stalin, hat die kleine Nadja schon als Dreijährige 1904 auf seinem Schoß gehabt, und als 17jährige Schülerin brannte sie im Jahr der Oktoberrevolution mit ihm von zuhause durch. Nach ihrer Heirat 1918 gehörten die Allilujews jedoch weiterhin zum innersten Herrschaftskreis um Stalin, der noch in den 20er Jahren in eher bescheidenen Kreml-Wohnungen und der Datschensiedlung Subalowo - mit den Molotows, den Woroschilows, den Mikojans u.a. - in einer Art bolschewistischer Großfamilie zusammenlebte.

Nadeschda - aufgewachsen mit den kommunistischen Idealen - arbeitete trotz ihrer 1921 und 1926 geborenen Kinder, die mehr mit Leibwächtern und Bediensteten als unter der Obhut ihrer Eltern aufwuchsen, zunächst im Sekretariat von Lenin und begann Ende der 20er Jahre ein Studium an der chemischen Fakultät der Industrieakademie.

Die Ehe der leicht aufbrausenden, stolzen Frau mit dem 22 Jahre älteren Stalin war offensichtlich von Anfang an voller Spannungen. In dem Maße wie Stalins Selbstherrschaft wuchs, scheinen sich die Eheleute einander entfremdet zu haben. Es ist nachgewiesen, dass Nadeschda strikt die Gewalt gegen die Bauern während der brutalen Kollektivierung ablehnte. In ihrem Sterbezimmer wurde eine Abschrift des gegen die Diktatur Stalins gerichteten Manifests einer linken Oppositionsgruppe gefunden. Aus Nadeschdas Krankenakte geht hervor, dass sie an unerträglichen Migräneanfällen, Unterleibsschmerzen als Folge häufiger Abtreibungen und schweren psychischen Störungen litt, die sie mit Koffeintabletten bekämpfte, von denen sie süchtig geworden war. Sie wurde deshalb im Sommer 1930 zur Kur nach Karlsbad und Marienbad geschickt.

Hier nun knüpft Olga Trifonowa mit ihrer fiktiven Romanhandlung an und entwirft eine mögliche Version der Persönlichkeit von Nadeschda Allilujewa und der tragischen Geschichte ihrer Ehe, die auch die unheilvolle Geschichte des Wegs in eine blutrünstige Diktatur ist. Basierend auf der Innensicht der Hauptgestalt wird Nadeschda als aufrichtiger, komplexer aber labiler Charakter gestaltet. Durch ihre Liebe und Nähe zu Stalin gerät sie immer wieder in die fürchterlichsten Konflikte, die sie krank gemacht und zerstört haben. Im idyllischen böhmischen Kurort nun - fern von der ideologiebesessenen sowjetischen Welt der Not und um sich greifenden Angst - erinnert sie sich an ihr vergangenes Leben und ihre als immer unerträglicher empfundene Ehe.

Das literarische Verfahren ist motiviert durch den psychischen Zustand der kranken Nadeschda: Aus realen Erinnerungsfetzen, quälenden Alpträumen, Gedächtnisbruchstücken und Fiebervisionen setzt sich mosaikartig das Bild eines zerrissenen Lebens zusammen: glückliche Momente, wenn Stalin im Freundeskreis mit seiner schmeichelnden Tenorstimme georgische Romanzen und Kirchenlieder singt oder mit seinen Kindern herumalbert und Szenen, in denen sie seine Mitleidlosigkeit und Grausamkeit spürt und von ihm gedemütigt und beschimpft wird; das Misstrauen, das ihr als Stalins Frau im Sekretariat des dahinsiechenden Lenin und später von ihren oppositionell eingestellten Freunden entgegenschlägt, so dass sie immer mehr vereinsamt und sich nirgendwo dazugehörig fühlt; fröhliche Eindrücke von den gemeinsamen Sommerurlauben in Sotschi am Schwarzen Meer, und die Verzweiflung über Verhaftungen nahestehender altgedienter Revolutionäre; die Konfrontation mit Elend und Armut bei ihren Kommilitonen und die zunehmenden Schuldgefühle wegen ihrer eigenen privilegierten Stellung. In diesen Rückblenden gehen faktographische und fiktionale Elemente des Textes nahtlos ineinander über.

Die dazuerfundene Liebesgeschichte mit ihrem Marienbader Psychiater jedoch samt dessen psychoanalytischer Deutung ihrer Probleme wirkt konstruiert und künstlich. Nadeschda Allilujewas bewegende Lebensgeschichte bietet auch ohne diesen überflüssigen Handlungsstrang genügend Spannung, um den Roman ästhetisch zu tragen.

Dr. Hannelore Umbreit
Vorwort zur Lesung aus "Die Einzige" von Olga Trifonowa
auf der Leipziger Buchmesse 2006, Forum International

… Bevor wir Ihnen in Russisch und Deutsch einige ausgewählte Textstellen zu Gehör bringen, gestatten Sie mir zunächst einige Bemerkungen zur Person der Autorin und zu ihrem literarischen Werdegang. Dem soll sich noch eine Erläuterung Olga Trifonowas zu den Entstehungshintergründen des Buches anschließen. Denn immerhin ist es ja nicht selbstverständlich, dass sich Olga Trifonowa, deren eigene Familie während der Stalin-Herrschaft bitter zu leiden hatte und repressiert wurde, literarisch dem Leben eben jener Frau zuwendet, die 15 Jahre lang an Stalins Seite stand. Bedenkt man, dass die sowjetische Periode der russischen Geschichte reich ist an herausragenden Frauenpersönlichkeiten, die auf die eine oder andere Weise in die historischen Prozesse eingriffen – erinnert sei beispielsweise an Alexandra Kollontai oder Iness Armand –, dann dürfen wir gespannt sein zu erfahren, warum die Wahl der Autorin gerade auf Nadeshda Allilujewa fiel.
Olga Trifonowa ist von Hause aus Naturwissenschaftlerin. Sie studierte Radioelektronik in Moskau und war als Biophysikerin tätig. Vielleicht erklärt dieser biografische Hintergrund, warum sich das Erstlingswerk der Autorin, nämlich der Roman „Der Tag des Hundes“, mit der Zerschlagung der sowjetischen Genetik-Forschung Ende der neunzehnhundertvierziger Jahre beschäftigt.
Fruchtbare Impulse für ihre weitere literarische Tätigkeit bezog Olga Trifonowa aus der erfüllten Ehe mit dem 1981 verstorbenen bekannten Schriftsteller und Historiker Juri Trifonow, dessen Name besonders den Bücherfreunden aus den neuen Bundesländern noch in bester Erinnerung sein dürfte. Wenn ich aus meiner eigenen Lebenswahrnehmung berichten darf: Im Rückblick ist meine Studentenzeit für mich überhaupt unvorstellbar ohne Trifonows wunderbare, philosophische Texte wie „Langer Abschied“, „Die Zwischenbilanz“ oder „Der Tausch“.
1974 kehrte Olga Trifonowa der Naturwissenschaft den Rücken. Sie arbeitete zunächst als Drehbuchautorin, schrieb zahlreiche Filmvorlagen und Bücher. Aus ihrer Feder stammen inzwischen mehr als fünf Romane, die bei Lesepublikum und Literaturkritik gleichermaßen große Beachtung fanden. So war das im Jahre 2002 in Moskau erschienene Buch über Nadeshda Allilujewa in Russland für den Preis „Bestseller des Jahres“ nominiert. Weitere bemerkenswerte Titel aus der Feder Olga Trifonowas sind beispielsweise die Erzählung „Versuch einer Verzeihung“ (1992) oder die Romane „Bu“ (2003) und „Die Träume tags zuvor“ (2005)
Doch das Tätigkeitsfeld Olga Trifonowas erschöpft sich nicht im Schreiben. Zum einen mündete ihre reiche Erfahrung als Drehbuchautorin in eigene Regiearbeiten. Und zum anderen ist sie mit Leidenschaft Museumsdirektorin. Und zwar Direktorin eines einzigartigen historischen Gedächtnisortes: Olga Trifonowa leitet seit Ende der neunzehnhundertachtziger Jahre das Museum im „Haus an der Uferstraße“.
In diesem massigen grauen Gebäudekomplex, dessen rückwärtige Fenster direkt auf den Kreml hinausgehen, wohnten während der gesamten Sowjetära zahlreiche Angehörige der höchsten Nomenklatura mit ihren Familien. Unter anderen auch mehrere Verwandte der Protagonistin des Romans „Die Einzige“. Von hier aus traten sie nach dem Tod von Nadeshda Allilujewa im Jahre 1932 den Weg in Verbannung und Gefängnis an.
Bliebe noch zu sagen, dass gerade in diesem Buch „Die Einzige“. Nadeshda Allilujewa. Die Frau Stalins“ die Schriftstellerin Olga Trifonowa die Naturwissenschaftlerin Olga Trifonowa nicht verleugnen kann. Worin offenbaren sich diese naturwissenschaftlichen Züge? Zum einen darin, dass die Autorin mehr als ein Jahr lang umfangreiche Quellenstudien betrieb, Zugang zu Archiven fand, die lange Zeit verschlossen waren, mit noch lebenden Verwandten ihrer Protagonistin sprechen konnte, Personen befragte, die Nadeshda Allilujewa persönlich kannten. So wertete Olga Trifonowa beispielsweise auch die Krankenakte ihrer Protagonistin aus. Und zum anderen lässt die Autorin die Ergebnisse der Auseinandersetzung mit dem historischen Stoff in eine Sprache fließen, die geprägt ist von schnörkelloser Klarheit, konzentrierter Lakonie und klangvoller Verhaltenheit.
Wovon Sie sich anhand der Leseausschnitte gleich selbst überzeugen können.
Doch zuvor lassen Sie mich Olga Trifonowa fragen, was sie bewogen hat, sich gerade dem Schicksal der Frau an Stalins Seite zuzuwenden. Was diese Nadeshda Sergejewna Allilujewa heute, nach einer so intensiven historischen und literarischen Auseinandersetzung mit ihrem Schicksal, für die Autorin ist: eine Frau ihrer Zeit, eine Frau, die ihrer Zeit voraus war, oder eine Frau, die hinter den Möglichkeiten ihrer Zeit zurückblieb?
Ich wünsche uns eine fesselnde Lesestunde und eine anregende Diskussion.


Hilarion (Alfejew), Bischof von Wien und Österreich
Dr. phil., Dr. theol. – November 2005 zu
„Die fremde Sprache sei mir eine Hülle” von Sergei Awerinzew

Viele Russen der älteren und mittleren Generation erinnern sich noch gut an die Zeit, als die Kirche in Russland von der Gesellschaft isoliert war, als Christ zu sein bedeutete, die Gesellschaft herauszufordern, die gesellschaftliche Stellung, die Karriere und manchmal sogar das Leben zu riskieren. Diese Zeit hat Sergei Awerinzew vortrefflich in seinem Aufsatz „Die Solidarität in dem verfemten Gott“ beschrieben, enthalten im Band mit Essays und Vorträgen von ihm „Die fremde Sprache sei mir eine Hülle…“, der im Verlagshaus „Pereprava“ erschienen ist.In dieser Zeit haben es nur wenige gewagt, über Glauben und Kirche in einer Sprache zu sprechen, die der Intelligenz verständlich war. Einer dieser seltenen Menschen war Sergei Awerinzew. Seine Bücher schlugen eine Brücke zwischen der verfolgten Kirche und den Menschen, die außerhalb der Kirche standen und sich danach sehnten, ein lebendiges Wort über Gott zu hören. Aus seinen Büchern erfuhren viele zum ersten Mal etwas über Romanos den Meloden, Gregor von Nazianz, Ephräm den Syrer, Johannes von Damaskus und andere große Kirchenväter. In diesen schwierigen Jahren, als niemand offen über Gott sprechen konnte, hat er über ihn gesprochen, vielleicht ein wenig verschleiert, aber klar genug, dass tausende Menschen durch seine Bücher zu Christus fanden.Awerinzew war ein Mensch von hervorragender Gelehrsamkeit und enzyklopädischem Wissen, er war gleichermaßen vertraut mit der antiken Philosophie und Literatur, dem deutschen Idealismus, der europäischen schönen Literatur, dem russischen religiös-philosophischen Denken und dem Erbe der griechischen, lateinischen und syrischen Kirchenväter. Aber nicht in dieser erstaunlichen Gelehrsamkeit bestand das Wesentliche seines menschlichen und christlichen Wirkens, sondern darin, dass er, wie Gregor von Nazianz, alle intellektuellen Reichtümer des Ostens und des Westens sammelte, um sie Christus zu Füßen zu legen.Nicht zufällig trug das letzte Buch Awerinzews, das zu seinen Lebzeiten in russischer Sprache in Kiew erschien und das Übersetzungen der Kirchenväter enthält, den Namen „Kostbare Perle“. Im Vorwort zum Buch charakterisierte der Metropolit Wladimir von Kiew und der ganzen Ukraine den Autor als einen Menschen, der gleich dem Kaufmann aus dem Evangelium, die kostbare Perle der lebendigen und leibhaftigen Wahrheit allen Reichtümern der Erde vorzog. Und wieder wird man an den heiligen Gregor von Nazianz erinnert, dergesagt hat: „Selig ist, wer anstelle aller Besitztümer Christus erworben hat.“ Genau so ein Mensch war Awerinzew.Erstaunlich war nicht, dass er so viel wusste, sondern dass er sein Wissen freigebig mit so vielen Menschen teilte. Awerinzew war ein Mensch der Kirche, ein Mensch von wahrer und inniger Frömmigkeit. Zudem eignete ihm eine tiefe christliche Demut. Und die Kirche gedenkt seiner als eines treuen Sohnes, der mit seinem Wort, seiner Botschaft und seinem wissenschaftlichen Werk vielen Menschen gedient hat.Seine letzten Jahre verbrachte Sergei Awerinzew in Wien, wo er Ordinarius für Slawistik an der Universität Wien war und wo er zu den ständigen Mitgliedern der Kathedrale zum heiligen Nikolaus zählte. Im Mai 2003 erlitt Awerinzew einen Herzinfarkt, nach dem er fast zehn Monate im Koma lag. Er starb am 21. Februar 2004.In seinem Beileidsschreiben an die Witwe von Awerinzew, N. P. Awerinzewa, charakterisierte der hochheilige Patriarch von Moskau und ganz Russland Alexi den Verstorbenen als „einen Menschen, dessen ganzes Leben dem christlichen Glauben gewidmet war“.Die Veröffentlichung des Buches mit Essays und Vorträgen von Sergei Awerinzew in deutscher Sprache kann zweifellos als großes Ereignis im kulturellen Leben Österreichs und Deutschlands gewertet werden. Erstmals wird dem deutschsprachigen Leser eine umfangreiche Auswahl von Texten Awerinzews vorgestellt, die ihm die reiche geistige Welt des Autors eröffnen und sein profundes Eindringen in verschiedenste Gebiete, wie die Lehre der Väter der Ostkirche, Byzantinistik, Slawistik, russische und deutsche Literatur und Dichtung, zeitgenössische kirchliche und gesellschaftliche Problematik.

Regina Károlyi
„Die fremde Sprache sei mir eine Hülle” von Sergei Awerinzew
www.sandammeer.at, virtuelle Literaturzeitschrift, 05/2006

Russland und Westeuropa im Dialog

Der 1937 in Moskau geborene und 2004 in Wien verstorbene bedeutende Geisteswissenschaftler - man möchte von einem Universalgelehrten sprechen - Sergei Awerinzew fühlte sich stets seiner russischen Heimat und ihren großen Denkern, aber auch dem deutschsprachigen Kulturkreis und seiner Wahlheimat Wien (ab 1994) verbunden. In den vorliegenden Essays und Vorträgen findet der Leser diese Verbundenheit, das Bestreben, aus dem Reichtum beider Kulturen zu schöpfen und die gemeinsamen über die trennenden Elemente zu stellen, immer wieder vor.

Dem westeuropäischen Leser erschließt sich dank dieser Texte Russland mit seiner Geschichte, seiner kulturellen und religiösen Tradition auf eine kompakte und von breit gefächertem Wissen geprägte Weise. Aber auch die Geschichte sowohl der anderen slawischen Staaten als auch Westeuropas ist dem Autor gründlich vertraut, sodass er Parallelen und Unterschiede kompetent und treffend beobachten, herleiten und kommentieren kann.

In den Essays und Vorträgen herrschen vor allem folgende Themenkomplexe vor: Russland als ein schwieriges Vaterland für Denker und Dichter, die sich gern am aufgeklärten Frankreich orientierten; die Herkunft der russisch-orthodoxen Kirche aus der griechischen, ihr Bruch mit dem Katholizismus und die Annäherungen nicht zuletzt durch bedeutende Denker vor allem von russischer Seite; der Werteverfall nach der "Wende" und die Instrumentalisierung der orthodoxen Kirche durch Persönlichkeiten des alten Regimes; das Vakuum nach dem Totalitarismus in diesem Zusammenhang und bezüglich der zwischenmenschlichen Solidarität; die Probleme des Westens durch die Abwertung des Christentums und Möglichkeiten, wie sich eine europäische Christenheit gestalten ließe. Wesentliches, wiederkehrendes "Leitmotiv" ist aber immer wieder der mit westeuropäischer, oftmals deutschsprachiger Dichtung und dem ihr zugrunde liegenden Gedankengut befasste russische Dichter - wie Ossip Mandelschtam, der den heute hier ebenfalls vergessenen Ewald von Kleist in Russland einführen wollte.

Sehr interessant erscheinen Awerinzews Gedanken zum modernen Zeitgeist in Russland, aber auch in Westeuropa, insbesondere, wenn er die Humorlosigkeit des Zeitgeistes aufgreift oder auch die Globalisierung: Die erwähnten profunden Kenntnisse, gepaart mit ausreichender Distanz, führen zu bemerkenswert objektiver Kritikfähigkeit, die sich nie von oben herab äußert, sondern Denkanstöße liefern soll.

Wer sich je von Russlands Geschichte, von seiner Literatur, Kultur und für den Westeuropäer so erstaunlich innigen und mystischen Religiosität hat verzaubern lassen, findet hier eine Fülle von Begründungen für ansonsten schwer verständliche Phänomene und begreift vor allem, dass West- und Osteuropa tiefe gemeinsame Wurzeln besitzen, auf die sie sich eigentlich leicht zurückbesinnen könnten und auch sollten. Die Einflüsse von Ost und West auf die Dichtung des jeweils anderen Teils Europas werden anhand des von Awerinzew vermittelten Hintergrundwissens transparent und weisen darauf hin, dass Russland sich mit wenigen Ausnahmen unter Fremdherrschaft und Diktatur immer als Teil Europas begriffen hat - zu Recht, wie Awerinzew nachweist. Die verbindende Rolle der Religion, vielleicht das zentrale Thema der Texte und des Buchs, unterstreicht diese Einheit und bietet Chancen, dass die durch den Eisernen Vorhang scheinbar endgültig getrennten Teile Europas sich einander wieder annähern können, sofern die Religion aufrichtig ausgeübt wird und ihren Platz im Leben der europäischen Völker (wieder) findet.

Awerinzews Stil ist natürlich von seinem wissenschaftlichen Hintergrund geprägt, dabei aber sehr gut verständlich und somit für ein breites Publikum bestens geeignet, sofern dieses etwas Erfahrung mit russischer und deutschsprachiger Literatur und Philosophie besitzt. Trocken wirken die Essays und Vorträge nie, im Gegenteil, die offen präsentierten persönlichen, aber stets wohl begründeten Überzeugungen des Autors werden lebendig und durchaus packend präsentiert.

Eines jener raren Sachbücher, deren Lektüre nicht nur Fakten vermittelt, sondern auch in menschlicher, persönlicher Hinsicht eine Bereicherung darstellt!

Beiträge zu: „Der letzte Eber aus den Wäldern Pontevedras“ von Dina Rubina 

Hanns-Martin Wietek, www.buechervielfrass.de  „Ganz Persönliches”:
Ein Roman, der über die menschlichen Aspekte hinaus ganz stark von der multikulturellen Gesellschaft Israels geprägt ist, vom Verständnis und dem Unverständnis der Menschen mit ihren Wurzeln in den unterschiedlichsten Kulturen, von dem Willen, in ihrer neuen Heimat mitgestaltende Bürger zu werden.
Die Handlung ist hervorragend aufgebaut, die Sprache mitreißend und das Thema macht nachdenklich.
Sensibel hat Dina Rubina die tief im Menschen wurzelnden Probleme einer multikulturellen Gesellschaft angepackt.
Ein Roman, der nicht nur für Israel wichtig ist.  

Alexandra Slawik, Frauenclub Alpha, Stubenbastei 12/14, 1010 Wien
Die Autorin schafft es mit Leichtigkeit einem die Akteure so nahe zu bringen, dass man schon sehr bald mit ihnen mitleidet, mithasst und sich mitfreut. Das Buch laesst einen Einblick in ein scheinbar normales Bueroleben zu, dass intriganter und komplizierter nicht sein koennte und der verzweifelte Versuch sein Leid vor allen anderen zu verstecken. Es ist ein Buch ueber Liebe, Verrat und Hass und ueber die Dinge, die ein verletzter Mensch bereit ist zu tun.Vielen Dank für die Unterstützung des Verlages und die Bereitstellung von Information und Bildmaterial. 

14.08.2005 – aus der Sendung „Ex Libris – Das Ö 1 Bücher-Radio“
Die Übersetzerin Irina Bermann erspürt die ganz eigene Ausdrucksweise von Dina Rubina – sie belässt ganz bewusst einen Hauch von Fremdheit in der deutschen Fassung. Das gibt dem Ganzen einen eigenen Reiz.

zu „Deutsche“ von Irina Welembowskaja:

Veronika Wengert
„Liebe auf der Lagerpritsche. Zarte Hoffnung inmitten tiefster Grausamkeit“
11-02-2002 Moskauer Deutscher Zeitung

Als Irina Welembowskaja vor zwölf Jahren gestorben ist, dachte niemand daran, ihre Erinnerungen zu veröffentlichen. Jahrelang verstaubten die Aufzeichnungen im hauptstädtischen Literaturarchiv. Nun wollen Tochter Xenija und Schwiegersohn Alexander Wassin den Schicksalsroman der Moskauer Schriftstellerin und Drehbuchautorin publizieren – pünktlich zum 80. Geburtstag am 23. Februar.

Irina Welembowskaja war erst 20 Jahre alt, als sie das Lagerleben kennen lernte. Die behütete Tochter aus einer alten Moskauer Familie wurde während des Zweiten Weltkriegs aus einer Welt voll Literatur und Kunst herausgerissen und in den Ural verschleppt. Irgendwo in der Nähe von Nischnij Tagil teilte sie dann ihr Schicksal mit verschleppten Deutschen aus dem rumänischen Banat und Transsilvanien. Männer und Frauen, ob 16 oder 50, wurden dort zur Zwangsarbeit gezwungen und mussten schwere Bäume fällen und schleppen. “Doch diese Tatsache verschweigt man bis heute oftmals”, so Alexander Wassin, Schwiegersohn der verstorbenen Schriftstellerin.
“Irina hat fließend Deutsch gesprochen und konnte sich mit den anderen Arbeitern problemlos verständigen”, erzählt Wassin. Mitte der 1950er Jahre begann die Russin, ihre Kriegserinnerungen aufzunotieren, sie hatte genug Stoff für eine Romanvorlage. Ihre Schilderungen und Erinnerungen sind ein lebendiger Zeitzeugenbericht, der weder pathetisch ist noch die Schuldigen anprangert. Zwischen Bettpritschen und Schwerstarbeit keimt die Liebesbeziehung zwischen Rosa und Rudolf, einem Deutschen aus dem Banat, zärtlich auf. Eine verbotene Frucht, die trotz der Kriegswirren eine Hoffnungspur hinterlässt.
“Die Heldin trägt Züge meiner Schwiegermutter, wir vermuten deshalb, dass sie selbst in einen Deutschen verliebt war. Doch sie hat niemals darüber gesprochen, sondern es immer nur vage angedeutet”, so Wasin. Erst als sie den Roman auf dem Dachboden gefunden haben, dämmerte es Tochter und Schwiegersohn, was Irina durchgemacht hatte, ohne sich jemandem mitteilen zu können.
Eine weitere Kopie des Romans verstaubte jahrelang im Moskauer Literaturarchiv. Nun suchen die Erben einen Verlag, der die rührselige Liebesgeschichte drucken soll. Das Werk ist nicht die erste Veröffentlichung von Irina Welembowskaja, jedoch ihr Debütroman. Zu Sowjetzeiten schrieb die Autorin Kurzgeschichten und Erzählungen. Dabei zog sich das Schicksal der russischen Frau als Leitmotiv durch fast all ihre Werke. Als Drehbuchautorin machte sie sich einen Namen mit dem bis heute im Fernsehen gezeigten Film „Frauen“. Am 23. Februar würde die Moskauerin ihren 80. Geburtstag feiern.